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Interviews / Management

Nachhaltiges Qualitätsleitbild 4.0: Was im Fokus stehen muss

Durch die Arbeitswelt 4.0 bzw. Industrie 4.0 entstehen neue Möglichkeiten und Anforderungen. Die Märkte werden wesentlich volatiler und dynamischer. Es gibt zahlreiche und tiefgreifende Innovationen, die nicht nur Produkte verändern, sondern massive Disruptionen für die Gesellschaft, die Wirtschaft sowie die einzelnen Unternehmen und Menschen auslösen. Unvorhergesehen entstehen neue und neuartige Geschäftsmodelle. Neue Technologien ermöglichen aber auch neuartige Techniken der Qualitätssicherung. Die Themen Qualität, Nachhaltigkeit, Innovation und Agilität sind dabei auf das Engste miteinander verbunden und stellen eine erfolgswirksame Symbiose dar. Qualitäts-, Nachhaltigkeits- und Innovationsmanager denken prozessorientiert, Schnittstellen-übergreifend und in Wertschöpfungsketten (Value Chains). Sie gestalten strategische und operative Ziele und Maßnahmen, die Organisationen nachhaltig erfolgreich machen. Marco Englert hat sich mit dem Experten Dr. Benedikt Sommerhoff über die Zukunft der Arbeitswelt und des Qualitätsmanagements ausgetauscht.

Auf Bildung, Gesundheit, politischen und gesellschaftlichen Diskurs fokussieren – Dr. Benedikt Sommerhoff im Interview

Herr Dr. Sommerhoff, wie sieht ein nachhaltiges Qualitätsleitbild 4.0 für den Wirtschaftsstandort Deutschland aus?

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Wie hängen Qualitätsmanagementsysteme, die Arbeitswelt der Zukunft und die betriebliche Mitarbeitergesundheit zusammen? Dr. Benedikt Sommerhoff im Interview zum Qualitätsleitbild. (Bild: © Austin Neill | stocksnap.io)

Deutschland muss sich von der einseitigen Fabrikfokussierung lösen und sich darüber hinaus mit der Qualität von Dienstleistungen, datenbasierten Geschäftsmodellen und auch von gesellschaftlichen Prozessen befassen. Immer wird gesagt, dass unser Wissen und Kompetenz unsere wichtigsten und einzigen Ressourcen sind. Politische Entscheider allokieren die Ressourcen aber nicht entsprechend. Wir brauchen einen Qualitätsfokus auf Bildung, Gesundheit, politischen und gesellschaftlichen Diskurs, welche die Voraussetzungen für die Qualitätsfähigkeit deutscher Unternehmen am Markt und auch der deutschen Verwaltung bilden.

Was sind Ihre Aufgaben als Leiter Transformation & Innovation bei der DGQ?

Ich soll dazu beitragen, dass die DGQ selbst innovativer und disruptiver wird, damit wir in Zeiten des Umbruchs Impulsgeber sein können. Dazu transformieren wir auch unseren eigenen Innovationsprozess und unsere Innovationskultur. Das Team Transformation und Innovation identifiziert Dynamiken und Trends, sucht und setzt neue Impulse. Wir sind viel unterwegs, tauschen uns mit Pionieren aus, knüpfen Netzwerke. Wir wollen lernen und verstehen, wie sich die Welt verändert, um dann gemeinsam mit Kollegen und Mitgliedern daran zu gehen, wie wir unserer Qualitätsmanagementansätze verändern und weiterentwickeln müssen.

Wie sehen innovative Konzepte für die (Erst-)Einführung von Qualitätsmanagementsystemen aus?

Ich behaupte, alle Unternehmen haben ein Qualitätsmanagementsystem. Nicht alle sind zertifiziert, nicht alle haben ein Managementsystem nach ISO 9001, aber alle haben für sich geklärt, wie sie funktionieren wollen. Es geht also eigentlich außer bei Start-ups nie darum, ein Qualitätsmanagementsystem einzuführen, sondern es entlang eigener oder Kundenanforderungen weiterzuentwickeln, dann vielleicht auch bestimmte QM-Standards zu erfüllen. Innovativ ist für viele schon, die weitreichenden Spielräume von Normen zu nutzen, um individuelle Umsetzungen zu entwickeln. Die ISO 9001 ist wirklich klasse, es stehen nur sinnvolle Anforderungen darin. Aber die Norm darf doch nicht die Diskussion um das Managementsystem dominieren.

Welche Normen, Ansätze und Methoden gibt es für die erfolgreiche Implementierung eines integrierten Nachhaltigkeitsmanagements?

Change Management ist hier wesentlich, wie immer, wenn es um Implementierung von etwas Komplexem und um Integration geht. Die Nachhaltigkeitsbedürfnisse der Kunden und Stakeholder sowie die eigene Nachhaltigkeitsambition sollen maßgeblich sein für das, was man tut. Insofern nenne ich jetzt bewusst keine Normen, die sollten aus meiner Sicht nicht zu Beginn und nicht im Zentrum der Nachhaltigkeitsentwicklung stehen. Sie sind natürlich gute Leitfäden, denn immer werden sie von Nachhaltigkeitsexperten formuliert, sodass sie nützliche und fundierte Impulse geben. Warnen möchte ich davor, mehr zu reden, als zu tun. Nicht selten entwickeln sich Nachhaltigkeitsinitiativen zu Greenwashing-Programmen. Das frustriert zunächst einmal besonders die Mitarbeiter.

Welche Rolle spielt das Thema Gesundheitsmanagement beziehungsweise BGM im Rahmen von Nachhaltigkeit und Qualität?

Der Mensch spielt eine Rolle, und dass er mit Freude gute Arbeit machen kann. Dass uns Arbeit nicht krank macht, nicht körperlich und nicht psychisch. Kranke, frustrierte Mitarbeiter können ab einem gewissen Punkt keine Qualität mehr produzieren, machen Fehler, fallen ganz aus. Ein Gesundheitsmanagement, das Mitarbeitern Motivation und Leistungsfähigkeit erhält oder sogar verbessert, ist ein Beitrag zu mehr Nachhaltigkeit.

Wie kann eine übergreifende, vernetzte Supply Chain beziehungsweise Value Chain zur Qualitätssicherung beitragen?

Die neuen technischen Möglichkeiten einer vernetzen Welt und einer Industrie 4.0 würden eine sehr weitreichende Supply Chain-übergreifende Vernetzung erlauben. Die heute enorm hohe Zahl der Qualitätsprobleme und Rückrufe bei extrem komplexen Produkten wie dem Automobil wäre signifikant reduzierbar, wenn es hier eine echte Supply Chain-übergreifende Vernetzung der qualitätsrelevanten Daten gäbe. Früh ließen sich so Muster erkennen, die auf resultierende Fehler und Probleme hinweisen. Die wirklichen Ursachen ließen sich gestützt auf diesen Datenpool früh identifizieren und Wiederholungs- und Folgefehler sofort eingrenzen und abstellen. Natürlich müssen dafür noch gravierende Fragen der Datensicherheit und des Eigentums der Daten geklärt werden. Es wäre aber enorm wirtschaftlich und deshalb rechne ich auch damit, dass solche Lösungen kommen werden.

Wie sieht Ihre Vision eines Qualitätsmanagements beziehungsweise Qualitätsmanagers der Zukunft aus?

Qualitätsmanagement ist Organisationsentwicklung und leistet einen maßgeblichen Beitrag dazu, die Organisation qualitäts- und ergebnisfähig zu machen. Qualitätssicherung leistet einen signifikanten Beitrag zur Effizienz des Ressourceneinsatzes und zur Fehlerfreiheit von Produkten und Dienstleistungen. Qualitätsmanager sind geschätzte interne Berater auf Augenhöhe mit hochrangigen Führungskräften und Qualitätssicherer sind anerkannte technische Spezialisten.

Vielen Dank, Herr Dr. Sommerhoff, für dieses kurzweilige Gespräch. Wir dürfen gespannt sein, welche weiteren Entwicklungen sich in diesen Bereichen in der nahen Zukunft ergeben werden, und wünschen Ihnen viel Erfolg bei der Umsetzung Ihrer Vision!

Über die Autoren

Dr.-Ing. Benedikt Sommerhoff ist Leiter Innovation & Transformation bei der Deutschen Gesellschaft für Qualität e.V. (DGQ) in Frankfurt. Er arbeitet mit Kolleginnen, Kollegen und Mitgliedern der DGQ an den Zukunftsthemen, die Wirtschaft, Gesellschaft und Unternehmen verändern werden. Er analysiert Trends und richtet die Facharbeit des Vereins darauf aus. Im Design Thinking Labor der DGQ, dem QLAB, entstehen unter der Moderation des Teams Innovation neue Lösungen sowohl für die DGQ als auch für andere Organisationen.

Marco Englert (MBA) ist Manager, Berater und Coach. Als Director Strategy & Corporate Development verantwortet er bei der brainLight GmbH die Modellierung und Umsetzung der Managementstrategien. Sein Arbeitsfeld umfasst u.a. die Digital Business Transformation, das PMO, das Innovationsmanagement sowie die Markenführung. Er verfügt über exzellentes Research- und Consulting-Know-How und ist u.a. Spezialist für Markenkommunikation, Spezialist für Personalentwicklung und Manager für agile Organisationsentwicklung (Quadriga University).

1 Kommentar

  1. Pingback: Management Excellence: Managementinnovationen für eine Arbeitswelt 4.0 - Human Capital Care

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