Erst der Genuss, dann die Moral? Was wir essen dürfen

Stellungnahme des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens

Handlungssicherheit statt Verbraucherverunsicherung – auf diese Formel lässt sich das Ergebnis des 7. Symposiums des Internationalen Arbeitskreises für Kulturforschung des Essens bringen. Im Anschluss an die Tagung formulierten die Wissenschaftler zehn disziplinübergreifende Positionen.

Lässt sich die Leitfrage „Was der Mensch essen darf?“ – im Hinblick auf eine Konsumethik zwischen individueller Ernährungsgeschichte, ökonomischem Zwang, ökologischem Gewissen und globalen Verlockungen – überhaupt klar beantworten? Die Abschlussdiskussion reflektierte und bündelte die Positionen und kam zu einem überraschend klaren Ergebnis. Ethik ist eine anthropologische Konstante, aber in ihrer Ausprägung historisch und kulturell bedingt.

Die spezifischen Probleme globaler Ernährung, wie beispielsweise der gewaltige Ressourcen- und Flächenverbrauch, die damit verbundenen Ressourcenkonflikte mit teilweise dramatischen Folgen für die Umwelt, die nach ökonomischen Gesichtspunkten und ohne besondere Rücksicht auf das Tierwohl erfolgende Zucht und Tierhaltung, eine nicht endende Folge von Lebensmittelskandalen, eine kontinuierliche Diskussion über den Wert von Lebensmitteln und schließlich die weitverbreitete Fehlernährung sind eine große Herausforderung der globalen Gesellschaft.

Diese Probleme manifestieren sich vor allem im Fleischkonsum und erfordern einen grundlegenden Dialog zwischen Produzenten, Konsumenten und Politik – und zwar auf der Basis einer neuen transdisziplinären Ernährungsethik. Wissenschaft muss, so das übereinstimmende Ergebnis, dabei besondere Verantwortung übernehmen. Sie muss den Dialog mit der Praxis führen, um bestehende Wissensbestände zu überprüfen, zu vertiefen und anwendbar zu machen.

Im Mittelpunkt des Symposiums stand die Frage nach einem verantwortungsvollen Konsum. Der Arbeitskreis diskutierte sie am Beispiel des Huhns – dem globalsten Fleischlieferant überhaupt. Das Huhn ist züchterisch weitgehend ausgereizt, spiegelt den globalen Trend zu fettarmem Fleisch und ist kaum mit religiösen Nahrungstabus behaftet. Gleichzeitig entzünden sich an den Geflügelzuchtanlagen in Deutschland heftige Debatten um die Bedenklichkeit der großindustriellen Tierproduktion.

Zusammenfassend kamen die Wissenschaftler zu zehn disziplinübergreifenden Positionen:

1. Angesichts der genannten Probleme sieht der Arbeitskreis die Tagung nicht als Höhepunkt eines Prozesses, sondern erst als Auftakt einer sich intensivierenden gesellschaftlichen Auseinandersetzung.
2. Der Arbeitskreis erkennt das Konfliktpotenzial und die großen Unterschiede an, die zwischen gesundheitlichen, ökologischen, ökonomischen und sozialen Zielen bestehen. Er sieht auch die Reibung zwischen Traditionen und kultureller Prägung und der informierten Ernährungsethik. Er akzeptiert, dass Verbraucher diese Konflikte sehen und daraus je eigene Schlüsse ziehen. Zugleich sollten ethische Entscheidungen stärker Teil des individualisierten Lebensstils sein.
3. Unter Berücksichtigung der Gießener Konzeption der Vollwert-Ernährung sowie der wissenschaftlichen Ergebnisse der Ernährungsökologie kommt auch der Arbeitskreis zu dem Schluss, dass eine deutliche Verringerung des individuellen Fleischkonsums dringend geboten ist.
4. Nach Ansicht des Arbeitskreises ist es sowohl aus gesundheitlichen als auch aus kulturellen Gründen jedoch weder nötig noch möglich, kurz- oder mittelfristig einen vegetarischen Lebensstil der Bevölkerung anzustreben, wenngleich der Vegetarismus als bewusste Ernährungsweise ausdrücklich begrüßt und nicht infrage gestellt wird.
5. Um den im Zusammenhang mit übermäßiger Fleischproduktion stehenden ethischen wie ökologischen Problemen entgegenzuwirken, empfiehlt der Arbeitskreis nicht nur deutlich weniger, sondern auch qualitativ hochwertiger produziertes Fleisch zu verzehren.
6. Eine Grundvoraussetzung hierfür besteht nach Meinung des Arbeitskreises in einer Steigerung der Wertschätzung des gesamten Lebensmittelbereiches. Dies umfasst auch eine höhere Anerkennung der an der Produktion von Nahrung beteiligten Personen wie Landwirten, Metzgern, Lebensmittelfabrikanten, aber auch Tierärzten und Züchtern sowie den Respekt vor deren Arbeit.
7. Vor allem aber muss ein entsprechendes Bewusstsein für einen neuen Umgang mit den Lebensmitteln entstehen. Verluste müssen gesenkt und Ressourcen nachhaltig genutzt werden. Gerade beim Fleisch ist es wichtig, den Nutzungsgrad (wieder) zu erhöhen und den Anteil der als minderwertig angesehenen Fleischstücke zu senken. Dazu gehört das Meiden von energieintensiv produzierten Lebensmitteln ebenso wie von nicht saisonal wachsendem Gemüse und Obst.
8. Der Arbeitskreis ist überzeugt, dass eine Veränderung der gegenwärtigen Situation nicht durch radikale Forderungen, sondern nur durch kleine und real umsetzbare Schritte (gerade) auf der Produzentenseite erzielt werden kann.
9. Die familiäre, vorschulische und die schulische Bildung spielen nach Ansicht des Arbeitskreises bei der Vermittlung von Kompetenzen im Umgang mit Lebensmitteln eine wesentliche Rolle.
10. Außerdem sieht es der Arbeitskreis als notwendig an, mittels gesellschaftlicher und politischer Maßnahmen, Strukturen und Verhältnisse zu schaffen, die einen ethisch orientierten Konsum ermöglichen. Die mit der Ungleichheit sozialer Gruppen verbundenen Probleme müssen dabei berücksichtigt werden.

Das Symposium fand im Oktober 2012 in Kooperation mit der Universität Regensburg statt. Ein weiterführender Sammelband ist für Herbst 2014 geplant.

Weitere Informationen bei der Dr. Rainer Wild-Stiftung

HCC Redaktion

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