Verknüpfung zweier Pharmaka für mehr Wirkung und weniger Nebenwirkungen bei Multipler Sklerose

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Entmarkungserkrankung des zentralen Nervensystems, deren Ursache trotz großer Forschungsanstrengungen noch nicht geklärt ist.

Bild: Universitätsklinikum Freiburg

Multiple Sklerose ist neben der Epilepsie eine der häufigsten neurologischen Krankheiten bei jungen Erwachsenen: In Deutschland sind rund 130.000 Menschen von der Krankheit betroffen, die sich durch Symptome wie Sehstörungen, Depressionen bis hin zu Gehbehinderungen und Lähmungen äußert. Die Krankheitshäufigkeit beträgt rund 149 Erkrankte pro 100.000 Einwohner. Eine Linderung der Symptome und bessere Wirkstoffe gegen die Krankheit sind nicht nur wichtig, um die Leiden der Betroffenen zu lindern, sondern würde ihnen auch helfen, den beruflichen Alltag reibungsloser zu gestalten.

Verknüpfung zweier Pharmaka hilft bei Multipler Sklerose

Mehr Wirkung und weniger Nebenwirkung verspricht jetzt eine neue Substanzklasse gegen Multiple Sklerose und andere neurodegenerative Erkrankungen. Dazu haben Wissenschaftler um Prof. Gunter Fischer (Max-Planck-Forschungsstelle für Enzymologie der Proteinfaltung, Halle/Saale) und Dr. Frank Striggow (Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE)) zwei bereits zugelassene Pharmaka-Grundkörper über eine chemische Linkerstruktur miteinander verbunden. Ziel dieser Verknüpfung ist einerseits ein maximaler Schutzeffekt auf Zellen des Gehirns und andererseits die Unterdrückung unerwünschter Nebenwirkungen.

Die neue Wirkstoffklasse wurde jetzt als erstes Patent des DZNE im Rahmen einer Gemeinschaftspatentanmeldung mit der Max-Planck-Forschungsstelle beim Europäischen Patentamt angemeldet. „Die Erteilung eines Patentes kann mehrere Jahre dauern. In dieser Zeit möchten wir die präklinische Entwicklung abschließen und sobald wie möglich in die klinische Forschung und Entwicklung gehen. Insgesamt sehen wir ein erhebliches therapeutisches Potential in Bezug auf chronische und altersbedingte neurodegenerative Erkrankungen“, so Dr. Frank Striggow.

Multiple Sklerose ist eine entzündliche Erkrankung des Zentralen Nervensystems. Dabei wird die Isolierung der Leitungsbahnen von Nervenzellen, die so genannten Myelinscheiden der neuronalen Axone, zerstört. Dieser Prozess führt zur Störung der Signalleitung und schließlich zum Tod der betroffenen Nervenzellen. Die Folgen sind permanente neurologische Störungen. Ursache der Multiplen Sklerose sind körpereigene Angriffe auf die zellulären Bestandteile der Myelinscheiden, die Oligodendrozyten. Die Wissenschaftler um Prof. Gunter Fischer und Dr. Frank Striggow haben deshalb nach neuen Interventionsmöglichkeiten gesucht, die Hirnzellen gegen diese Angriffe schützen. Ziel ist nicht nur die Schädigung und den Verlust von Hirnzellen zu verhindern, sondern auch die Regeneration der Zellen positiv zu beeinflussen.

Die als Bausteine benutzten Wirkstoffe der Cyclosporin und FK506 (Tacrolimus)-Reihe werden, chemisch etwas abgewandelt, bereits seit langem medizinisch als Immunsuppressiva eingesetzt. Beide unterdrücken die zelluläre Immunabwehr. Dieser Effekt ist bei Organtransplantationen notwendig, ansonsten für den Organismus aber kritisch. Die spezifische Verbindung beider Substanzen führt dazu, dass die schützende Wirkung auf die Nervenzelle durch unterschiedliche, aber synergistische Wirkmechanismen verstärkt wird. Gleichzeitig ist der Einfluss auf die Immunabwehr geringer – und damit sinken die Nebenwirkungen. Beide Effekte konnten experimentell nachgewiesen werden. Jetzt wurde die neue Wirkstoffklasse zum Patent angemeldet. Die Ascenion GmbH begleitet dieses Projekt gemeinsam mit Max-Planck-Innovation als die jeweiligen Verwertungspartner des DZNE und der Max-Planck-Gesellschaft.

Das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) erforscht die Ursachen von Erkrankungen des Nervensystems und entwickelt Strategien zur Prävention, Therapie und Pflege. Es ist eine Einrichtung in der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren mit Standorten in Berlin, Bonn, Dresden, Göttingen, Magdeburg, München, Rostock/Greifswald, Tübingen und Witten. Das DZNE kooperiert eng mit Universitäten, deren Kliniken und außeruniversitären Einrichtungen. Wissenschaftler des DZNE arbeiten in verschiedenen Forschungsprojekten eng mit Einrichtungen der Max-Planck-Gesellschaft zusammen. Die gemeinsame Patentanmeldung ist ein Ergebnis der Zusammenarbeit des DZNE und der Max-Planck-Forschungsstelle für Enzymologie der Proteinfaltung. Beide kooperieren auch im BMBF Programm „Spitzenforschung und Innovation in den Neuen Ländern“ im Rahmen des ProNet-T3-Projekts unter Beteiligung verschiedener weiterer Einrichtungen.

(Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen / DZNE 2012)

HCC Redaktion

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