Betriebliches Gesundheitsmanagement – Interviewreihe (Teil 1)

Betriebliches Gesundheitsmanagement

Der am 29. Januar 2013 in Berlin vergestellte “Stressreport Deutschland 2012” der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) machte es deutlich: Jede zehnte Erkrankung hat inzwischen psychische Ursachen. Stress und Burnout verursachen jährliche Kosten von 53 Milliarden Euro für Behandlungskosten und die dadurch hervorgerufenen Produktionsausfälle. Zugleich fehlt es an Hilfs- und Präventionsangeboten.

Betriebliches Gesundheitsmanagement
Bild: HUMAN CAPITAL CARE

Betriebliches Gesundheitsmanagement vor allem in Hinblick auf psychische Belastungen wird zu einem immer wichtigeren Faktor. In der heute im HCC-Magazin startenden mehrteiligen Interviewreihe zum Thema „Betriebliches Gesundheitsmanagement im Personalbereich“ spricht Michael Hoeckle, Veranstalter der Messe HUMAN CAPITAL CARE und Geschäftsführer der Eventus49 GmbH, über alle aktuellen Faktoren zum Thema Gesundheitsmanagement und Gesundheitsförderung im Unternehmen. Im ersten Teil beantwortet Michael Hoeckle Fragen zu den Herausforderungen der Wirtschaft angesichts des Wandels in der Arbeitswelt und erklärt, warum ein betriebliches Gesundheitsmanagement heute so wichtig ist.

Wie wird sich der Personalmarkt in Deutschland entwickeln und wie sieht die Fachkräftesituation speziell im Mittelstand aus?

Michael HoeckleDer deutsche Mittelstand wird der leidtragende Unternehmensteil der Änderungen im Personalmarkt sein. Als Technologie- und Know-how-Träger ist der Mittelstand extrem auf Fachkräfte angewiesen. Schon jetzt machen sich die Entwicklungen deutlich bemerkbar. Wir werden weniger und älter! Der Maschinenbau rekrutiert nach neuestem Trend Fachkräfte aus Spanien, um den Mangel schnell decken zu können. Es gibt nichts Schlimmeres als Wachstum durch Aufträge zu verzeichnen und diesen nicht mit den eigenen Kapazitäten decken zu können. Auch die langfristige Ausrichtung durch die unternehmenseigene Ausbildung wird zunehmend schwerer, denn selbst die qualifizierten Jugendlichen bleiben aus, bzw. gehen zu den namhaften und gut zahlenden Unternehmen. Der Mittelstand ist angesichts seiner Unternehmensgrößen in der ungeeigneten Situation, dass er auf der einen Seite die Änderungen sehr deutlich spürt und auf der anderen Seite die Kapazitäten für neue “Nebenprojekte” am Limit sind.

Warum wird Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) in diesem Zusammenhang immer wichtiger?

BGM ist nicht nur eine geeignete Maßnahme, sich auf den Demographischen Wandel vorzubereiten, sondern es ist eine globale Methode, die Mitarbeiter leistungsfähig und motiviert zu halten. Ganzheitliches BGM ist nicht das Gießkannenprinzip von einzelnen gesundheitsfördernden Maßnahmen, sondern eine Führungskultur, die das Unternehmen gegenüber den Mitarbeitern als sozial verantwortungsvoll und persönlich positioniert. Es geht im Wesentlichen darum, mit festgelegten Zielsetzungen und den durch Analysen eingeleiteten Maßnahmen die Mitarbeiter gesund und leistungsfähig zu halten sowie ein Image für das Unternehmen aufzubauen, um als Arbeitgeber, Lieferant und Kunde attraktiv zu sein. Denn Mitarbeiter, die motivierter und produktiver sind, können auch viel Fehlendes kurzfristig auffangen und tragen die positive Einstellung nach außen. Ebenso werden die Mitarbeiter im höheren Alter deutlich besser und länger Ihr Know-how einbringen können.

Ist BGM falsch investiertes Geld für ein Unternehmen?

Nein, im Gegenteil. Jeder einzelne investierte Euro in das Gesundheitsmanagement kommt mehrfach zurück. Es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Studien, die dies belegen. Die Angaben schwanken zwischen 1:3 und 1:5. Studien der IGA (Initiative Gesunde Arbeit) hat hier schon mehrfach darüber berichtet. Die neueste Studie von der Bertelsmann Stiftung belegt die Tatsache eines Return on Invest erneut. Selbst Skeptiker müssen nach den Studien erkennen, dass selbst bei schlechten Prognosen das Gesamtergebnis noch immer positiv bleibt. Belegt werden diese Zahlen durch eine Vielzahlen an Unternehmen, die sich ohne Eigennutz den Studien angeschlossen und die Zahlen mit ermittelt haben.

Gibt es auch rechnerische Beispiele für den wirtschaftlichen Nutzen? 

Es gibt einfache rechnerische Beispiele. So ermittelte die TK den durchschnittlichen Krankenstand von 11,2 Fehltagen pro Mitarbeiter und Jahr. Die IGA beziffert die durchschnittlichen Fehlzeitkosten pro Mitarbeiter und Tag auf 400 EUR. Bei einem Unternehmen mit 100 Mitarbeitern entstehen somit jährlich Kosten von 448.000 EUR. Die Entwicklung auf durchschnittlich ermittelte 11,7 Fehlzeittage würden Gesamtkosten von 468.000 EUR/Jahr erreichen. Das sind 20.000 EUR Differenz in den nächsten fünf Jahren. Prof. Bernhard Badura verweist jedoch auch auf die Präsentismuskosten, das sind Kosten, die durch Mitarbeiter entstehen, die nicht gesund oder unmotiviert im Unternehmen arbeiten. Diese Kosten belaufen sich nochmals auf den doppelten Wert, da man nach neuesten Erkenntnissen hier von 66 Prozent der gesamten Fehlzeitkosten spricht.

Gilt der Nutzen von BGM für jede Unternehmensgröße oder gibt es Unterschiede zwischen den verschiedenen Unternehmensgrößen?

Der Nutzen ist in jeder Unternehmensgröße vorhanden. Wir hatten auf unserer ersten Messe aus diesem Grund zehn Best-Practice-Vorträge von Unternehmen unterschiedlichster Branchen und Größen, die den Nutzen vorgestellt haben. Wir hatten von der kleinen Gärtnerei bis hin zum Industrieunternehmen mehrere Beispiele als Vorbildfunktionen. Interessant war, dass überall die gleiche Aussage kam. Es ist eine Führungskultur, die gepflegt wird und dadurch den Nutzen schnell darstellt. Auch unabhängig von der Branche ist dieses Phänomen zu verzeichnen. So hatten wir ein Handwerksunternehmen, ein Altenheim, einen Klinikverbund und sogar eine Universität als Behörde. Alle haben trotz unterschiedlicher Größe und Branche von dem Mehrwert berichtet. Generell gilt jedoch, je größer das Unternehmen, desto höher der Nutzen. Aus diesem Grund ist die Industrie schon seit fast zwei Jahrzehnten intensiv an diesem Thema dran. Damals war es erst jedoch nur der Arbeitsschutz, heute heißt es Gesundheitsmanagement.

Vielen Dank für das Gespräch!

In den folgenden Teilen dieser Reihe spricht Michael Hoeckle über BGM als Markt, Motive, Ziele und eine erfolgreiche Integration von betrieblichem Gesundheitsmanagement sowie Best-Practice-Beispiele.

Zur Person Michael Hoeckle:

Seit 2009 arbeitet Michael Hoeckle in der betrieblichen Gesundheitswirtschaft und engagiert sich im IHK Ausschuss Gesundheitswirtschaft für die Entwicklungen der Branche. Er ist Berater für die Integration von betrieblichem Gesundheitsmanagement und betrieblicher Gesundheitsförderung mit dem Schwerpunkt des langfristigen Personalmarketings. Als Unternehmens- und Marketingmanager aus einer Unternehmerfamilie betreibt er mit der Eventus49 GmbH das Netzwerk HUMAN CAPITAL CARE für Unternehmensgesundheit, welches das Ziel Austausch von Kontakten, Vermittlung von Fachwissen und finanzielle Vorteile für das Netzwerk verfolgt.

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