Kontrollverlust bei Alkoholsucht – Neues zu molekularen Prozessen

Zu viel Alkohol schädigt das Gehirn. Wie das passiert, welche Mechanismen diese Schädigung verursachen – darüber ist nur wenig bekannt. Aktuelle Forschungsergebnisse der Arbeitsgruppe Molekulare Psychopharmakologie des Instituts für Psychopharmakologie am ZI ermöglichen nun wichtige neue Einblicke in die molekularen Grundlagen solcher Alkoholschadenseffekte. Die Untersuchungen zeigen, dass wiederholter starker Alkoholkonsum zu einer erheblichen und dauerhaften Umstrukturierung der präfrontalen Großhirnrinde führt.

Die Arbeitsgruppe Molekulare Psychopharmakologie, unter der Leitung von PD Dr. Wolfgang H. Sommer, erforscht genetische, neurobiologische und verhaltenspsychologische Einflussfaktoren, die bei Suchtverhalten eine Rolle spielen. Die Wissenschaftler konzentrieren sich dabei auf die Untersuchung der Langzeitfolgen von Alkohol auf das Gehirn, insbesondere auf solche Effekte, welche die Funktion des präfrontalen Kortex (PFC) beeinflussen. Im Februar veröffentlichte das Journal of Neuroscience die Ergebnisse einer neuen Studie der Arbeitsgruppe. Die Studie zeigt, dass Alkohol speziell einen kleinen Teilbereich des PFC, das sogenannte infralimbische Areal, schädigt. Bei Ratten kann der daraus resultierende Funktionsverlust repariert werden, wodurch diese wieder die volle Kontrolle über ihr Alkoholsuchverhalten erlangen.

Aus der Studie geht hervor, dass eine bestimmte Gruppe von Neuronen im PFC sehr empfindlich auf Alkohol reagiert, wenn dieser wiederholt in Konzentrationen verabreicht wird, die üblicherweise bei Alkoholikern auftreten (>2,5 Promille über mehrere Stunden). Diese Neuronen behalten langfristige Folgeschäden, was sich unter anderem darin ausdrückt, dass sie die Freisetzung des Botenstoffs Glutamat nicht mehr angemessen regulieren können. Zurückzuführen ist dies auf eine mangelnde Autorezeptorfunktion, die normalerweise durch Glutamatrezeptoren vom Typ mGluR2 ausgeübt wird. Das Team um Wolfgang Sommer kann diesen Funktionsverlust direkt mit Suchtverhalten in Verbindung bringen. Es wurde gezeigt, dass die Wiederherstellung des mGluR2-Niveaus im infralimbischen Kortex alkoholabhängiger Ratten ausreichend ist, um deren übermäßiges Bedürfnis nach Alkohol wieder zu normalisieren. Diese Ergebnisse scheinen auch für die Alkoholsucht bei Menschen von Bedeutung zu sein. In Autopsiematerial von Alkoholikern fanden die Forscher in der entsprechenden Hirnregion ebenfalls erniedrigte mGluR2 Werte.

Die Untersuchungsergebnisse legen nahe, dass Alkoholabhängigkeit nicht nur zu einer Abnahme von mGluR2 Rezeptoren in neuronalen Netzwerken des PFC führt, sondern dass der dadurch verursachte Funktionsausfall bei Alkoholsüchtigen auch die Gefahr eines Rückfalls verstärkt. Die im Tiermodel aufgezeigte Möglichkeit einer Reparatur der mGluR2-Autorezeptorfunktion eröffnet neue therapeutische Perspektiven. Dazu ist es nötig, die molekularen Mechanismen zu erforschen, welche zur Blockade des Rezeptors führen. Ausgehend von der These, dass epigenetische Abschaltungsmechanismen in diesem Prozess eine Rolle spielen, sollen nun am ZI neue Methoden entwickelt werden, um die entsprechenden epigenetischen Abdrücke wieder zu entfernen. Insgesamt tragen diese Forschungsergebnisse zu einem besseren Verständnis von Alkoholwirkungen und Suchtmechanismen bei, was perspektivisch die Entwicklung neuer Therapieverfahren für diese Erkrankung fördert.

(Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim)

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