Bewältigung psychosozialer Risiken: Erfolgsfaktoren und Hindernisse

Die meisten europäischen Unternehmen haben noch keine Verfahren zur Bewältigung von Stress und anderen psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz eingeführt, obwohl die Arbeitnehmer Europas zunehmend Gefährdungen dieser Art ausgesetzt sind. Mit diesem Sachverhalt befassen sich zwei neue Berichte der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA). Sie gehen der Frage nach, weshalb 74% der europäischen Unternehmen noch keine Bewältigungsstrategien verfolgen, obwohl Stress am Arbeitsplatz von 79% und Belästigung bzw. Gewalt am Arbeitsplatz von 40% aller Manager in der EU als besorgniserregend eingeschätzt wird.

Die Berichte erscheinen unter Verhältnissen, in denen immer mehr europäische Arbeitnehmer über stressbedingte Probleme klagen und, wie eine aktuelle Meinungsumfrage zeigt, 80% der Arbeitnehmer in der EU für die kommenden fünf Jahre von einer zunehmenden Stressbelastung ausgehen. Obwohl die durch Stress und andere psychosoziale Risiken bedingten Gesundheitsprobleme durchaus bekannt sind, tun sich offenbar viele europäische Unternehmen mit der Prävention schwer.

Wie die Europäische Unternehmenserhebung über neue und aufkommende Risiken (ESENER) ergab, gehen nur 3% der Unternehmen psychosoziale Risiken mit wirklich ganzheitlichen Konzepten systematisch an, während 12% keine einzige der Maßnahmen ergriffen haben, die in der Umfrage als wesentlich für das Management psychosozialer Risiken erhoben wurden.

In den Berichten wird aufgezeigt, welche Faktoren die Bewältigung dieser Probleme in Unternehmen begünstigen, beispielsweise das unmittelbare Vortragen von Beanstandungen durch die Beschäftigten selbst und das Bewusstsein, dass es sich betriebswirtschaftlich auszahlt, dieses Thema ernst zu nehmen: Man geht davon aus, dass derzeit etwa 50–60% aller verlorenen Arbeitstage mit psychosozialen Risiken zusammenhängen und dass psychische Störungen in der EU jährlich Kosten in Höhe von 240Mrd. EUR verursachen. Unternehmen, die den engen Zusammenhang zwischen psychosozialen Risiken und hohen Fehlzeiten kennen, bemühen sich mit weitaus größerer Wahrscheinlichkeit ernsthaft um ein entsprechendes Risikomanagement.

Die Berichte benennen zugleich die Hindernisse, auf die viele Unternehmen stoßen, wenn sie sich um das Management psychosozialer Risiken bemühen, beispielsweise das Fehlen fachlicher Unterstützung und Beratung sowie der Mangel an Ressourcen.

Die Direktorin der EU-OSHA, Christa Sedlatschek, stellt dazu fest, dass „psychosoziale Risiken von den politisch Verantwortlichen zwar allmählich als wesentliche Herausforderung erkannt werden, beim Umgang mit diesen Risiken auf Unternehmensebene Politik und Praxis jedoch offenbar auseinanderklaffen. 40% der Unternehmen geben an, dass sie zur Bewältigung psychosozialer Risiken mehr Informationen und größere Unterstützung benötigen. Wir müssen also mehr tun, um über die Beschaffenheit dieser Risiken aufzuklären und Unternehmen zu helfen, sie durch bessere Gefährdungsbeurteilungen, Änderungen der Arbeitsorganisation, Schulungen und andere Maßnahmen in den Griff zu bekommen.

Die beiden Berichte der EU-OSHA, „Management of psychosocial risks at work“ („Management psychosozialer Risiken am Arbeitsplatz“) und „Drivers and barriers for psychosocial risk management“ („Begünstigende und hemmende Faktoren für das Management psychosozialer Risiken“) knüpfen an die Europäische Unternehmenserhebung über neue und aufkommende Risiken (ESENER) der EU-OSHA an. Diese groß angelegte Studie bietet eine Momentaufnahme des derzeitigen Umgangs von Managern und Arbeitnehmervertretern mit Gesundheits- und Sicherheitsrisiken an den Arbeitsplätzen Europas unter besonderer Berücksichtigung der psychosozialen Risiken, die zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Im Rahmen der für 2014–2015 vorgesehenen Kampagne „Sichere Arbeitsplätze“ wird die EU-OSHA praktische Instrumente für die Bewältigung psychosozialer Risiken zur Verfügung stellen.

Links

Eine Zusammenfassung von vier Sekundäranalyse-Berichten: Verständnis des Managements von Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit, psychosozialer Risiken und der Arbeitnehmerbeteiligung durch ESENER – verfügbar in 24 Sprachen

Drivers and barriers for psychosocial risk management: An analysis of the findings of the ESENER (Begünstigende und hemmende Faktoren für das Management psychosozialer Risiken: Eine Analyse der ESENER-Ergebnisse) – verfügbar in Englisch

Management of psychosocial risks at work: An analysis of the findings of the ESENER (Management psychosozialer Risiken bei der Arbeit: Eine Analyse der ESENER-Ergebnisse) – verfügbar in Englisch

Worker representation and consultation on health and safety: An analysis of the findings of the ESENER (Vertretung und Konsultation der Arbeitnehmer im Bereich Gesundheitsschutz und Sicherheit: Eine Analyse ESENER-Ergebnisse) – verfügbar in Englisch

Management of occupational safety and health: An analysis of the findings of the ESENER (Management von Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz: Eine Analyse ESENER-Ergebnisse) – verfügbar in Englisch

European Survey of Enterprises on New and Emerging Risks – Managing safety and health at work (Europäische Unternehmenserhebung über neue und aufkommende Risiken – Management von Sicherheit und Gesundheitsschutz bei der Arbeit) – verfügbar in Englisch

Kurzes Video über die wichtigsten Ergebnisse von ESENER

Das ESENER-Projekt im Überblick


Die Aufgabe der Europäischen Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EU-OSHA) besteht darin, dazu beizutragen, dass die Arbeitsplätze in Europa sicherer, gesünder und produktiver werden. Die Agentur untersucht, entwickelt und verbreitet verlässliche, ausgewogene und unparteiische Informationen über Sicherheit und Gesundheit und organisiert europaweite Kampagnen zur Sensibilisierung. Die Agentur wurde 1996 von der Europäischen Union gegründet und hat ihren Sitz in Bilbao, Spanien. Sie bringt nicht nur Vertreter der Europäischen Kommission, der Regierungen der Mitgliedstaaten, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen, sondern auch führende Sachverständige zusammen – und dies in jedem der 27 EU-Mitgliedstaaten und darüber hinaus. http://osha.europa.eu

Die Europäische Unternehmenserhebung über neue und aufkommende Risiken (ESENER) wurde im Frühjahr 2009 von TNS Infratest durchgeführt. Die Erhebung umfasst 31 europäische Länder: alle EU-Mitgliedstaaten sowie Kroatien, die Türkei, Norwegen und die Schweiz. Es wurden 36 000 Interviews mit Managern und Arbeitsschutzbeauftragten in Organisationen mit mindestens zehn Mitarbeitern aus dem privaten und öffentlichen Sektor in allen Branchen (außer Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Fischerei) durchgeführt. Da mit der Erhebung die Meinungen von Managern und Arbeitnehmervertretern aus ganz Europa eingeholt wurden, gibt sie wesentliche Aufschlüsse über den derzeitigen Umgang europäischer Unternehmen mit Arbeitsschutzfragen; einen besonderen Schwerpunkt stellen dabei die relativ neuen psychosozialen Risiken wie arbeitsbedingter Stress, Gewalt und Mobbing am Arbeitsplatz dar. Aus den Ergebnissen der Erhebung lässt sich ablesen, welche Faktoren geeignete Maßnahmen fördern und welche ihnen im Wege stehen. Die Studie zeigt, welche Art von Unterstützung Unternehmen möglicherweise benötigen, um wirksame Verfahren zu entwickeln, und wie die Mitarbeiter in diese Verfahren einbezogen werden können. Damit leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung zielgerichteter Maßnahmen gegen neue und aufkommende Risiken. Die ESENER-Studie unterstützt Unternehmen dabei, ihre Anforderungen gemäß ihren Kenngrößen (Größe, Branche, Standort usw.) zu definieren; darüber hinaus unterstützt sie Arbeitgeber in ganz Europa, beim Arbeitsschutz effizienter vorzugehen und das Wohlbefinden aller Arbeitnehmer zu fördern. Die ESENER-Erhebung ist die erste europaweite Studie mit dem Schwerpunkt neue und aufkommende Risiken. Sie liefert politischen Entscheidungsträgern länderübergreifend vergleichbare Informationen und trägt wesentlich dazu bei, Fortschritte in diesem Politikbereich zu messen und einen aktiven Beitrag zur politischen Entscheidungsfindung (z.B. künftige EU-Strategien) zu leisten. Mittlerweile liegen eine Reihe von Folgestudien zur Auswertung der ESENER-Ergebnisse vor. Sie sollen Arbeitgeber und politische Entscheidungsträger bei der Gestaltung wirksamer Gegenmaßnahmen in den Betrieben unterstützen und der EU-OSHA Anhaltspunkte dafür liefern, welche Prioritäten bei der Bereitstellung von Informationen zu Gesundheitsschutz und Sicherheit in Zukunft zu setzen sind.

Quelle: EU-OSHA

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