Best Practice: BMW Group – Interview mit Peter Laurent

Best Practice: BMW Group – Interview mit Peter Laurent

Auch die BMW Group steht vor den Herausforderungen, die eine älter werdende Belegschaft mit sich bringt. Von einem in den 1990er Jahren begonnen Arbeitsschutzmanagementsystem entwickelte sich der Gesundheitsschutz im Unternehmen hin zu einem betrieblichen Gesundheitsmanagement und BMW begegnet seit 2004 mit einem eigens dafür entwickelten Programm („Heute für morgen“) aktiv dem demografischen Wandel. Zahlreiche weitere Programme wie „AzubiFit“ oder „ProEntspannung“ und Trainingsmöglichkeiten in PROAKTIV-Centern runden das umfangreiche BGM-Angebot ab.

Die 1916 gegründete Bayerische Motoren Werke AG ist heute als BMW Group ein weltweit agierender Hersteller von Automobilen und Motorrädern mit Schwerpunkt auf den Premiumsegmenten der internationalen Automobilmärkte. Das Unternehmen unterhält derzeit über 29 Produktionsstätten in 13 Ländern und die Münchener Unternehmenszentrale steuert die weltweiten Aktivitäten der BMW Group in mehr als 150 Ländern.

Im heutigen HCC-Best-Practice-Interview spricht Peter Laurent von der BMW Group über den Werdegang des Unternehmens hin zum BGM sowie die Erfahrungen, die der Automobilbauer bei der Intergration des betrieblichen Gesundheitsmanagements zu einem festen Bestandteil der Unternehmensabläufe gemacht hat.

Herr Laurent, bitte stellen Sie Ihr Unternehmen sowie Ihre Produkte und Dienstleistungen kurz vor.

Best Practice: BMW Group – Interview mit Peter Laurent
Bild: Peter Laurent / BMW Group

Die BMW Group bietet ihren Kunden als führender Anbieter von Premium-Produkten und Premium-Dienstleistungen einzigartige Erlebnisse individueller Mobilität. Als internationaler Konzern betreibt das Unternehmen 29 Produktions- und Montagestätten in 13 Ländern sowie ein globales Vertriebsnetzwerk. 2012 erzielte die BMW Group einen Absatz von rund 1,85 Millionen Automobilen und über 117.000 Motorrädern und beschäftigte weltweit rund 106.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Seit jeher bilden langfristiges Denken und verantwortungsvolles Handeln die Grundlage unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Das Unternehmen hat ökologische und soziale Nachhaltigkeit entlang der gesamten Wertschöpfungskette, umfassende Produktverantwortung sowie ein klares Bekenntnis zur Schonung von Ressourcen fest in seiner Strategie verankert.

Welche Besonderheiten bestehen in Ihrer Branche und vor allem in Ihrem Unternehmen hinsichtlich der Anforderungen an die Mitarbeiter im Arbeitsablauf, sowohl körperlich als auch psychisch? Gibt es ein bestimmtes Belastungsprofil der Mitarbeiter?

Aufgrund der vielfältigen Tätigkeiten in einem großen Unternehmen stellen sich unsere Mitarbeiter tagtäglich sehr unterschiedlichen Herausforderungen. Gerade im Produktionsbereich zeigt sich in den verschiedenen Technologien, wie Karosseriebau, Lackiererei und Montage die Komplexität der Belastungsprofile. Aber auch im Verwaltungsbereich herrschen unterschiedlichste Anforderungen vor, sodass wir nicht von einem bestimmten Profil ausgehen können.

Wie und wann kam es dazu, dass sich Ihr Unternehmen für Maßnahmen betrieblicher Gesundheitsförderung entschieden hat und wie sah in diesem Zusammenhang die Ausgangssituation Ihres Unternehmens aus?

Bereits Mitte der 90er Jahre wurde in den deutschsprachigen Werken ein Arbeitsschutzmanagementsystem aufgebaut, das von Anfang an die Säulen Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz umfasste. Eine Erweiterung erfolgte durch die Einführung des betrieblichen Gesundheitsmanagements. Mit unserem integrierten Ansatz zielen wir darauf ab, die bestmögliche Leistungsfähigkeit unserer Mitarbeiter zu fördern und zu erhalten.

Eine besondere Herausforderung ist dabei die demografische Entwicklung, die auch bei der BMW Group zu einer älter werdenden Belegschaft führt. Die BMW Group, die über 70 Prozent ihrer Mitarbeiter in Deutschland beschäftigt, ist in dieser Hinsicht Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung. Deshalb wurde 2004 das umfassende Programm „Heute für morgen“ aufgelegt, um dem demografischen Wandel aktiv zu begegnen und Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft auch mit einer im Durchschnitt älteren Belegschaft sicherzustellen.

Wie haben Sie in Ihrem Unternehmen betriebliche Gesundheitsförderung in die eigenen Prozesse integriert und worauf mussten Sie in Ihrem Betrieb besonders achten? Haben Sie sich auch Hilfe von außerhalb geholt?

Nachhaltigkeit ist ein zentrales Element unserer Unternehmensstrategie. Dem integrierten Gesundheitsmanagement kommt bei der sozialen Nachhaltigkeit eine tragende Rolle zu. Unser Ansatz ist es, Gesundheitsverantwortung gemeinsam mit den Mitarbeitern zu übernehmen. Wir sensibilisieren für einen gesunden Lebensstil und bieten gleichzeitig eine Vielzahl von Möglichkeiten, diesen während und nach der Arbeit eigenverantwortlich umzusetzen.

Genauso wichtig ist es aber auch, Gesundheitsförderung als Führungsaufgabe in unserer Unternehmenskultur zu verankern und für gesunde Arbeitsbedingungen zu sorgen.

Das integrierte Gesundheitsmanagement entwickelt sich damit zu einem festen Bestandteil der Unternehmensabläufe in der BMW Group. So erarbeiten wir unsere Gesundheitskonzepte und -programme im engen Schulterschluss mit unseren betrieblichen Partnern, wie etwa der Bildungsakademie, der Betriebsgastronomie und der Führungskräftequalifizierung der BMW Group. Diese setzen wir gemeinsam um. Die trägerbezogene BMW BKK agiert dabei als starker Partner – unsere Betriebskrankenkasse versichert 80 Prozent unserer Mitarbeiter in Deutschland.

Über die Einbindung externer Experten (Beraterstab) aus der Wissenschaft stellen wir bei Bedarf den erforderlichen Know-how-Transfer sicher.

Welche Maßnahmen ergriffen Sie im Einzelnen bzw. wie sahen konkrete Angebote für Ihre Mitarbeiter aus und wie wurden diese umgesetzt?

Nachfolgend ein grober Überblick an Maßnahmen, die – nach einer punktuellen internationalen Auswahl – einen Schwerpunkt auf den Standort Deutschland legen.

Mit unserem „Associate Family Health Center“ am US-Standort Spartanburg sichern wir eine arbeitsplatznahe und kostengünstige Versorgung der Mitarbeiter vor Ort. Unter einem Dach finden sich arbeitsmedizinische Dienstleistungen, Physiotherapie, eine Apotheke, Zahn- und Augenheilkunde sowie eine Labor- und Röntgenabteilung.

In Großbritannien bieten wir seit 2011 jährliche Gesundheitschecks für unsere Mitarbeiter an. Dabei wird eine körperliche Untersuchung mit Erfassung der Vitalparameter durchgeführt, anschließend erfolgen u. a. eine Blutuntersuchung sowie ein Lungenfunktionstest. Diese Leistung nahmen im Jahr 2012 rund 800 Mitarbeiter in Anspruch.

Im den klassischen Handlungsfeldern der Prävention und Gesundheitsförderung schaffen wir in Deutschland vielfältige Angebote und zielgruppenspezifische Aktionstage.

So lernen beispielsweise unsere Auszubildenden nicht nur, wie man Autos baut, sondern im Programm „AzubiFit“ auch, wie man sich gesund ernährt, ausreichend bewegt und richtig entspannt.

Damit sich unsere Mitarbeiter in ihrer Haut wohlfühlen, richten wir die Aktionstage ProHaut aus. Dort erhalten Mitarbeiter nicht nur Tipps zur richtigen Hautpflege und zum Hautschutz. Unter dem Motto „Oberfläche schützen“ können sie auch eine eingehende Hautkrebsvorsorgeuntersuchung wahrnehmen. Allein 2012 nutzten mehr als 1.500 Mitarbeiter diese Möglichkeit an den deutschen Standorten.

Das Thema psychische Gesundheit wird in unserer Gesellschaft immer wichtiger. In den Werken München, Leipzig und Berlin sowie in den Niederlassungen Nürnberg und Hamburg fanden 2012 in den “Wochen der psychischen Gesundheit” Vorträge und Workshops zu Entspannungstechniken und Stressmanagement statt.

Mit „ProEntspannung“ kann sich jede Führungskraft ein leicht zugängliches Kursangebot zur Kurzentspannung in die eigene Abteilung holen.

Frei nach dem Motto „Alles unter einem Dach“ stehen in unseren PROAKTIV-Centern an allen deutschen Werksstandorten präventives Kraft- und Ausdauertraining, Krankengymnastik und therapeutisches Gerätetraining im Fokus. Und dies in unmittelbarer Nähe zum Arbeitsplatz.

Ähnlich der „ProEntspannung“ können die Mitarbeiter der BMW Group in 20-minütigen Übungseinheiten ihren Rücken stärken, lockern und mobilisieren. Für das „ProRücken“ Angebot sind weder Anmelden noch Umkleiden erforderlich. Jeder kann so mit wenig Aufwand eine ganze Menge tun, um Beschwerden vorzubeugen.

Im Arbeitsalltag helfen pragmatische Angebote, das Thema Bewegung nicht aus den Augen zu verlieren.

So können Mitarbeiter mit dem Fahrrad zu ihren Terminen an den Standorten in München radeln. Dafür stehen 80 auffallend grün lackierte Fahrräder für dienstliche Zwecke zur Verfügung, die einfach über das Diensthandy zu buchen sind. 65.000 Fahrten in 15 Monaten sprechen für die Attraktivität von „ProBike“.

Mit der „Fitnessmail“ erhalten die Mitarbeiter zweimal wöchentlich per E-Mail wertvolle Gesundheitstipps oder Übungsvorschläge zu den Themenfeldern Bewegung, Ernährung und allgemeines Wohlbefinden.

Im Rahmen der Gestaltung der Arbeitsverhältnisse legen wir einen Schwerpunkt auf Arbeitsorganisation, Ergonomie und Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben.

In der Arbeitsorganisation zielen wir auf eine entsprechende Gestaltung des Gesamtsystems und der Prozesse ab. In diesem Sinne erweisen sich bspw. die belastungsoptimierte Mitarbeiterrotation im Schichteinsatz oder die Stärkung der Selbstverantwortung in der Gruppe als geeignete Maßnahmen.

Unser Ziel sind ergonomisch gestaltete Arbeitsplätze, bei denen die Mitarbeiter keinen übermäßigen physischen und psychischen Belastungen ausgesetzt sind (u. a. durch extreme Griffhöhen, -weiten, Gewichte). Die Maßnahmen reichen hier von der ergonomischen Optimierung der Montageprozesse über die Schaffung von Sitzmöglichkeiten zur temporären Entlastung des Stütz- und Bewegungsapparates bis hin zu höhenverstellbaren Arbeitsplätzen.

Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben wird großgeschrieben. Zahlreiche individuelle Modelle zur Flexibilisierung der Arbeitszeit (Teilzeitmodelle, Rahmenarbeitszeit anstelle von Kernarbeitszeit, mobiles Arbeiten) gehen mit flankierenden Angeboten zur Kinderbetreuung und Pflege von Familienangehörigen einher.

Best Practice: BMW Group – Interview mit Peter Laurent
Bild: BMW Group / ProAktiv

Wie reagierten Ihre Mitarbeiter auf die neuen Angebote und Maßnahmen und wie gut wurden diese auch praktisch angenommen?

Wir sensibilisieren unsere Mitarbeiter für einen gesunden Lebensstil und bieten ihnen gleichzeitig eine Vielzahl an nachhaltigen Angeboten, um diesen eigenverantwortlich umzusetzen.

In diesem Sinne haben wir am Weltgesundheitstag 2011 die „Initiative Gesundheit der BMW Group“ gestartet. Die Motivation der Mitarbeiter ist für uns dabei der zentrale Stellhebel zur nachhaltigen Veränderung des Gesundheitsverhaltens. Ohne diese verpuffen auch noch so gut strukturierte Angebote. Daher steuert unser Gesundheitsmarketing die Vermittlung unserer Angebote an die Mitarbeiter mit gezielten Kampagnen. Wir kommunizieren alle Aktionen rund um das Thema Gesundheit durchgängig mit auffallenden und wiedererkennbaren Motiven. Inhalt und Ziel sind so sofort klar und brauchen keine lange Erklärung. Unser Fokus richtet sich dabei auf Praktikabilität und Freude in der täglichen Umsetzung. Dabei darf ruhig auch einmal geschmunzelt werden.

Dieser Ansatz hat die Annahme unserer Angebote noch einmal positiv beeinflusst.

Zeigten sich schon erste Erfolge durch die Maßnahmen und wenn ja, wann wurden diese sichtbar?

Das Verhalten unserer Führungskräfte beeinflusst die Gesundheit unserer Mitarbeiter und ihre Zufriedenheit am Arbeitsplatz. Die Sensibilisierung für einen gesundheitsorientierten Führungsstil ist bei der BMW Group deshalb fester Bestandteil der Führungskräfteausbildung und der Weiterbildung unserer Mitarbeiter.

Wir haben fünftägige Seminare entwickelt, die den Führungskräften auch ihren Einfluss auf die Gesundheit ihrer Mitarbeiter aufzeigen. Sie sind verpflichtend und werden seit Mitte 2012 ausgerollt.

Die Bildungsakademie der BMW Group hat ihr Gesundheitsangebot für alle Mitarbeiter mit zurzeit rund 30 Gesundheitstrainings zielgerichtet ausgebaut.

Wir verzeichnen eine erfreulich hohe Nachfrage nach diesen Maßnahmen.

Waren die gewählten Maßnahmen auf Anhieb erfolgreich? Musste Ihr Unternehmen noch etwas an seinem Vorgehen anpassen?

Für unser Gesundheits- und Demografie-Management wurden wir mehrfach ausgezeichnet. Das ist für uns Antrieb Gutes noch besser zu machen. Das ist bei knapp 106.000 Mitarbeitern durchaus eine komplexe Herausforderung. Doch als nachhaltiger Automobilhersteller sehen wir uns hier in der Verantwortung.

Mit den wiedererkennbaren und auffälligen Kampagnen unsere „Initiative Gesundheit“ konnte die Vermittlung und Annahme unserer Angebote noch einmal verbessert werden.

Wie veränderte sich das Unternehmen durch die Maßnahmen hinsichtlich beispielsweise der Fehltage, der Zufriedenheit der Mitarbeiter und der Wirtschaftlichkeit?

Alle Maßnahmen im Rahmen des Gesundheitsmanagements unterliegen einem Monitoring. Die Komplexität der Einflussfaktoren erschwert des Öfteren in der Aggregation wie auch im Einzelfall die eindeutige Zuordnung der Ergebnisse. Insofern sehen wir hier einen wichtigen Ansatzpunkt für die weitere kontinuierliche Verbesserung der Prozesse.

Wie steht es heute um die Unternehmensgesundheit und wie wollen Sie langfristig vorgehen?

Um die Vielzahl der angebotenen Gesundheitsmaßnahmen in einem Managementsystem nachhaltig bedarfsorientiert auszurichten, hat die BMW Group mit dem „Gesundheitsmanagement 2020“ ein Projekt zur Einführung eines Integrierten Gesundheitsmanagements aufgesetzt. Dabei haben wir einen Gesundheitsmanagementzyklus als Regelkreis pilotiert. Er umfasst den Aufbau von Wissen zur Gesundheit, die Feststellung des Gesundheitszustandes, die Ableitung und Entwicklung von zielgerichteten Maßnahmen sowie die Evaluation.

Der übergeordnete Lenkungskreis Gesundheit entscheidet über die strategischen Ziele und die grundsätzliche Ausrichtung des Gesundheitsmanagements.

Haben Sie abschließend einige Tipps für Unternehmen, die darüber nachdenken, ebenfalls die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern?

Für den Erfolg des integrierten Gesundheitsmanagements ist es wichtig, Gesundheitsförderung als Führungsaufgabe zu verstehen und dies in der Unternehmenskultur zu verankern.

In diesem Sinne sollte das integrierte Gesundheitsmanagement als strategische Aufgabe in die unternehmensinternen Prozesse integriert und nicht als isolierte Aufgabe der Gesundheitsdienste verstanden werden.

In der Kommunikation und zur Sensibilisierung hat es sich aus unserer Sicht bewährt, Gesundheitsaktivitäten unter einem visuellen Dach zu bündeln. Zwar kann niemand den Mitarbeitern die Verantwortung für ihre Gesundheit abnehmen. Hohe Präsenz und auffallende Gestaltung ermuntern jedoch zum Mitmachen – am besten ganz bewusst ohne erhobenen Zeigefinger.

Vielen Dank für Ihre Antworten und Erfahrungen!

Interview: Anja Gebhardt (Redaktion HCC-Magazin)

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