Best Practice: Festo AG & Co. KG – Interview mit Corinna Mayer

Best Practice: Festo AG & Co. KG – Interview mit Corinna Mayer

Arbeitsplatzanalysen für ergonomische Arbeitsplätze in Büro und Produktion, Prävention von psychischen Belastungen in der Managementebene und Vermeidung von Bore-Out in der Produktion – diese und weitere Maßnahmen kennzeichnen den Weg der Festo AG & Co. KG von der betrieblichen Gesundheitsförderung hin zum betrieblichen Gesundheitsmanagement.

Best Practice: Festo AG & Co. KG – Interview mit Corinna Mayer
Festo Gesundheitstag. Bild: Festo

Corinna Mayer, Leiterin der Betrieblichen Gesundheitsförderung bei Festo, spricht im Rahmen der HCC-Themenserie rund um Best-Practice-Beispiele für angewandtes BGM und betriebliche Gesundheitsförderung über die Förderung der Mitarbeitergesundheit in diesem Unternehmen.

Die Festo AG & Co. KG mit Sitz in Esslingen ist führender Produzent von pneumatischen und elektrischen Antrieben für die Fabrik- und Prozessautomatisierung und ist mit Im Rahmen von Festo Didactic sowie seiner jahrelangen Erfahrung auf dem Gebiet der Lernsysteme und im Bereich Training und Consulting weltweit führend in der industriellen Aus- und Weiterbildung.

Erfahren Sie im heutigen Interview mit dem HCC-Magazin mehr über die praktischen Erfahrungen, die Festo in den vergangenen Jahren mit der Förderung von Mitarbeitergesundheit gemacht hat.

Frau Mayer, bitte stellen Sie Ihr Unternehmen sowie Ihre Produkte kurz vor.

Festo ist weltweit führend in der Automatisierungstechnik und Weltmarktführer in der technischen Aus- und Weiterbildung. Pneumatische und elektrische Antriebstechnik von Festo stehen dabei für Innovation in der Fabrik- und Prozessautomatisierung – vom Einzelprodukt bis zur einbaufertigen Lösung. Innovationen für höchstmögliche Produktivität der Kunden, weltweite Präsenz und enge Systempartnerschaft mit den Kunden sind dabei die Markenzeichen von Festo. Weltweit arbeiten 16.200 Mitarbeiter in 61 eigenen Gesellschaften von Festo. Der Umsatz für das Geschäftsjahr 2012 liegt bei 2,2 Mrd. Euro.

Welche Besonderheiten bestehen in Ihrer Branche und vor allem in Ihrem Unternehmen hinsichtlich der Anforderungen an die Mitarbeiter im Arbeitsablauf, sowohl körperlich als auch psychisch? Gibt es ein bestimmtes Belastungsprofil der Mitarbeiter?

Da Festo zum produzierenden Gewerbe gehört, ist es notwendig, dass wir Arbeitsplätze, die körperlichen Belastungen ausgesetzt sind, optimal ergonomisch anpassen, sodass die MA dauerhaft gesund und leistungsfähig bleiben. Aber auch an Büroarbeitsplätzen haben wir auf Dauer ein Problem bei falscher Sitzposition. Um dem vorzubeugen und körperlich beschwerdefrei zu bleiben oder zu werden, bietet die Betriebliche Gesundheitsförderung auch hier Arbeitsplatzanalysen an.

Auch die Erhaltung und Stärkung der psychischen Gesundheit gewinnt bei uns zunehmend an Bedeutung. Einerseits steigen die Anforderungen an Mitarbeiterinnen/Mitarbeiter höherer Managementebenen, anderseits müssen wir sicherstellen, dass bei Mitarbeitenden an produzierenden Arbeitsplätzen mit einfacheren Aufgabenstellungen durch den sog. Bore-out (Unterforderung durch eintönige Arbeitsabläufe) keine psychischen Probleme auftreten. Ein klassisches Belastungsprofil gibt es nicht direkt. Der Steuerkreis betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) wird sich gezielt verschiedene Zielgruppen in unserem Unternehmen anschauen um die jeweiligen Besonderheiten zu identifizieren und mit geeigneten Maßnahmen hier präventiv unterstützen zu können.

Wie und wann kam es dazu, dass sich Ihr Unternehmen für Maßnahmen im betrieblichen Gesundheitsmanagement entschied und wie sah in diesem Zusammenhang die Ausgangssituation Ihres Unternehmens aus?

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BGF bei Festo. Bild: Festo

1997 entstand der „Arbeitskreis Gesundheit“. Dieser bestand zunächst aus Vertretern von Personal, Betriebsrat, Betriebsarzt, Arbeitssicherheit und Betriebssport. 2003 wurde die dazugehörige Betriebsvereinbarung „Betriebliche Gesundheitsförderung“ (BGF) abgeschlossen, die den inhaltlichen Rahmen festlegte und sich zur Bereitstellung von Budget verpflichtete.

Im Jahr 2011 entschied man sich, neue Wege zu gehen, von der betrieblichen Gesundheitsförderung hin zum „betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM)“. Denn wir haben uns auch in diesem Bereich zum Ziel gesetzt, noch besser zu werden und Bestehendes zu optimieren. Die reinen gesundheitsförderlichen Maßnahmen genügen unseren Ansprüchen sowie den Erwartungen unserer Mitarbeitenden nicht mehr, sodass wir die ersten Schritte unternommen haben, langfristig ein Gesundheitsmanagement im Unternehmen aufzubauen und zu etablieren.

Wie haben Sie in Ihrem Unternehmen betriebliches Gesundheitsmanagement bzw. betriebliche Gesundheitsförderung in die eigenen Prozesse integriert und worauf mussten Sie in Ihrem Betrieb besonders achten? Haben Sie sich auch Hilfe von außerhalb geholt?

Da Festo gerade in der Startphase der Etablierung des beruflichen Gesundheitsmanagements (BGM) ist, haben wir bisher zunächst unsere Vision und unsere Ziele definiert. Auf Grundlage der bestehenden standorteigenen Arbeitskreise wurde ein Steuerkreis BGM ins Leben gerufen, der standortübergreifend über den bestehenden Arbeitskreisen Vernetzung und Austausch der hier handelnden Personen herstellen soll. Hier laufen die Fäden zusammen. Nach der groben Festlegung der Strukturen und Ressourcen wurden einzelne festospezifische Präventionsziele ausgearbeitet, die zukünftig relevante Ansatzpunkte darstellen. Daneben laufen die BGF-Maßnahmen in der hohen fachlichen Qualität weiter wie bisher. Um ein einheitliches, umfassendes BGM auf Dauer erfolgreich im Unternehmen zu etablieren, wird natürlich die Integration in das vorhandene System/die vorhandenen Abläufe forciert.

Jeder Betrieb hat besondere Herausforderungen bei der Implementierung eines BGMs. Daher hat sich Festo die Unterstützung von zwei Professoren eingeholt, um ein festospezifisches BGM einzuführen und den ersten Start in die richtige Richtung zu machen. Wir haben bewusst kein Beratungsunternehmen gewählt, da wir ein speziell auf die Bedürfnisse von Festo angepasstes betriebliches Gesundheitsmanagement aufbauen wollen.

Welche Maßnahmen ergriffen Sie im Einzelnen bzw. wie sahen konkrete Angebote für Ihre Mitarbeiter aus und wie wurden diese umgesetzt?

Die Maßnahmen der Betrieblichen Gesundheitsförderung haben sich seit 1997 stetig weiterentwickelt. Einerseits bedingt das die Nachfrage im Unternehmen, anderseits stellen gesellschaftliche Entwicklungen wie der demographische Wandel mit der Zunahme an chronischen Krankheiten und der Fachkräftemangel die Firmen vor neue Herausforderungen. Folgende Maßnahmen werden aktuell durch das Team der BGF realisiert:

  • Fitness-und Entspannungskurse im werkseigenen Fitnessraum
  • Kurzentspannung in der Mittagspause
  • Ergonomische Arbeitsplatzanalysen in Büro und Produktion
  • Vibrationstraining am Shape Comfort
  • Nordic Walking Kurse
  • Autogenes Training
  • Gesundheitsvorträge zu Themen wie Rückengesundheit, psychische Gesundheit, Krebsvorsorge, Pflege Angehöriger
  • Ernährungsworkshops und Kochkurse

Auch die anderen Bereiche wie Soziales, Arbeitsmedizin und Arbeitssicherheit, die im Rahmen eines BGMs eine Rolle spielen, bieten entsprechende Maßnahmen an.

Wie reagierten Ihre Mitarbeiter auf die neuen Angebote und Maßnahmen und wie gut wurden diese auch praktisch angenommen?

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Festo Ernährungsworkshop. Bild: Festo

Die Mitarbeiter reagieren sehr positiv auf die Angebote (auch auf neue Angebote). Unsere BGF-Maßnahmen werden sehr gut angenommen und dadurch, dass verschiedene Themenstellungen angeboten werden, ist für jeden etwas dabei. Durch den steigenden Bekanntheitsgrad und Professionalität der BGF ist nach und nach ein Wandel erkennbar. Das Bewusstsein gegenüber gesunden Verhaltensweisen steigt bei Kollegen enorm. Praktisch angenommen werden die Maßnahmen auch sehr gut. Momentan schränken beispielsweise begrenzte Raumgrößen und Teilnehmerzahlen, der Schichtbetrieb der Produktionsmitarbeiter oder geschäftliche Termine das Angebot ein.

Zeigten sich schon erste Erfolge durch die Maßnahmen und wenn ja, wann wurden diese sichtbar?

Zunächst einmal muss man sich fragen, was man als „Erfolg“ ansieht. Für den einen ist es ein Erfolg keine Rückenschmerzen zu haben oder abzunehmen, für den anderen ist es ein Erfolg zu wissen wo er sich hinwenden kann, wenn er in seiner Familie einen Pflegefall hat. Wer von den beiden nun aber gesünder, motivierter und leistungsfähiger ist, ist dahingestellt. „Messen“ können wir unsere Erfolge bisher schwer. Die Einflüsse und Beziehungen zwischen Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit sind komplex. Jedoch das Feedback, das wir von den Teilnehmern erhalten, ist stets positiv. Dadurch wissen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Um unseren „Erfolg“ annähernd messbar zu machen, wollen wir im Rahmen der Implementierung des BGMs zukünftig neben der gezielten Bedarfsermittlung und Maßnahmendurchführung auch ein fundiertes Controlling durchführen. Dafür ist die Festlegung von weicheren Kennzahlen notwendig, die über die harte Zahl des Krankenstandes hinaus gehen.

Waren die gewählten Maßnahmen auf Anhieb erfolgreich? Musste Ihr Unternehmen noch etwas an seinem Vorgehen anpassen?

Die meisten Maßnahmen wurden sofort gut angenommen. Ob sie vor einigen Jahren jedoch weniger erfolgreich waren als heute gilt zu spekulieren. Zwar sind wir heute deutlich besser aufgestellt als noch vor 5 Jahren, jedoch wachsen auch die internen und externen Anforderungen, sodass ein gewisser Adaptionsmechanismus stets notwendig ist.

Wie veränderte sich das Unternehmen durch die Maßnahmen hinsichtlich beispielsweise der Fehltage, der Zufriedenheit der Mitarbeiter und der Wirtschaftlichkeit?

Bei Festo bewegt sich die Fehlzeitenquote unterhalb der Branche in einem recht guten Bereich. Unsere Maßnahmen zielen teilweise auf Ursachen von Fehlzeiten (z.B. Muskel-Skelett-Erkrankungen) ab. Einen direkten Zusammenhang zwischen Maßnahmen und Fehlzeiten gibt es jedoch nicht.

Präsentismus ist für uns eines der spannenden Gebiete, das zukünftig sowohl in der Wissenschaft als auch bei uns mehr Aufmerksamkeit bekommen sollte. Wie können wir die Mitarbeitenden, die anwesend sind, produktiver und leistungsfähiger machen?

Aussagen über Zusammenhänge von BGF-Maßnahmen und der Wirtschaftlichkeit lassen sich nicht direkt machen. Die Einflüsse sind zu vielseitig und unbeeinflussbar. Auswirkungen der Maßnahmen auf die Zufriedenheit können wir durch unsere regelmäßigen Feedbackabfragen bestätigen.

Wie steht es heute um die Unternehmensgesundheit und wie wollen Sie langfristig vorgehen?

Festo ist insgesamt ein gesundes Unternehmen. Uns ist bewusst, dass wir nur wirtschaftlich erfolgreich sein können mit gesunden Mitarbeitern. Wir wollen die Herausforderungen, die wir im Unternehmen haben, angehen uns kontinuierlich verbessern, um langfristig auch noch genau den Anforderungen unserer Mitarbeitenden entsprechen zu können.

Haben Sie abschließend einige Tipps für Unternehmen, die darüber nachdenken, ebenfalls die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu fördern?

Unser Motto ist: „Ein gesundes Unternehmen braucht gesunde Mitarbeiter.“ Wir können nur wirtschaftlich erfolgreich sein, wenn wir die Gesundheit unserer Mitarbeiter fördern, denn ohne Gesundheit ist niemand leistungsfähig. Das Thema spielt nicht nur in dem Zusammenhang eine Rolle. Denn betriebliche Gesundheitsförderung wird immer mehr als „Standard“ an freiwilligen sozialen Leistungen angesehen. Diese können ausschlaggebend für die Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sein. Auch wenn in anderen Unternehmen die Bedingungen nicht optimal und die zur Verfügung stehenden Mittel gering sind, kann durch richtiges Vorgehen einiges erreicht werden. Man muss nur mal den ersten Schritt gehen.

Vielen Dank für Ihre Antworten und Erfahrungen!

Interview: Anja Gebhardt (Redaktion HCC-Magazin)

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